Tag 25 ... Rally-Charity

Tadschikistan

Dushanbe.

 

Selbst nach so kurzer Nacht stehen wir wieder im Morgengrauen auf... Mit der nachlassenden Anspannung macht sich die Erschöpfung breit, aber wir haben noch mal ein (selbst auferlegtes) strammes Programm vor uns: noch vor dem Frühstück holen wir zwei Blogeinträge nach und fangen an, unsere Siebensachen zu sortieren. Was schenken wir der Caritas, was bekommt Mashhura, was überlassen wir der Werkstatt, was nehmen wir im Flugzeug mit heim? Im gemütlichen Innenhof des B&B treffen wir uns anschliessend mit Parvina (Leiterin Caritas Tadschikistan) zur ersten Besichtigungstour der Projekte, die mit den Spenden der Tajik-Rally-Teilnehmer unterstützt werden. Rund vier Stunden lang fährt sie mit uns durch die Hauptstadt und zeigt uns unter anderem einen integrativen Kindergarten und eine integrative Grundschule - in diesem Land nahezu einzigartige Einrichtungen.

 

Wir erfahren, dass die schwierigste Aufgabe für die Mitarbeiter der Caritas ist, die Familien überhaupt erst ausfindig zu machen, die ein behindertes Kind haben und Hilfe brauchen. Behinderte Kinder werden oft versteckt. Frauen, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, werden von ihren Männern verlassen (und müssen sich dennoch um die Familie der Ex-Männer kümmern). Ein behindertes Kind wird nicht selten als „Strafe Gottes“ angesehen und es ist viel Aufklärungsarbeit nötig, um medizinische Ursachen dafür ins Feld zu führen und den Müttern ihre Schuldgefühle zu nehmen. Gesellschaftlich stehen diese Frauen am Rand, finanziell sowieso.

 

Nur ein winziger Teil der betroffenen Kinder besucht daher eine entsprechende Einrichtung. Deshalb sind häusliche Pflege und Förderung wesentliche Säulen der Caritas-Projekte. Caritas Deutschland arbeitet hier nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe". Damit sie die eigenen, aber auch andere gehandicapte bzw. in ihrer Entwicklung stark retardierte Kinder fördern können, werden nicht nur die Mütter geschult, sondern auch Sozialarbeiterinnen ausgebildet. Sie können sich spezialisieren (Sprachförderung, Physiotherapie, Pflege), arbeiten für umgerechnet 200,- € im Monat und tragen davon sogar die Fahrt-Kosten für die Hausbesuche. Die meisten der Sozialarbeiterinnen leisten dabei weit mehr Stunden als vorgesehen - aus Überzeugung.

 

Die Caritas engagiert sich in Tadschikistan sowohl in Projekten, die langfristig vom BMZ und der GIZ gefördert werden, setzt aber auch eigene, ausschließlich spenden-finanzierte Projekte auf. Diese werden inzwischen bewusst zunächst nur für 1 Jahr bewilligt, erklärt uns Parvina. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die sowjetisch geprägte Versorgungs-Mentalität dazu geführt hat, dass die Projekte langfristig nicht nachhaltig erfolgreich waren. Daher ist das gegenwärtige Ziel, konkrete Projekte innerhalb eines Jahres so aufzustellen, dass die Menschen vor Ort in die Lage versetzt werden und die Notwendigkeit erkennen, selbst aktiv werden zu können bzw. zu müssen. Das von Caritas International unterstützte Projekt beruht deshalb auf dem sogenannten Community Based Rehabilitation Ansatz (CBR).

 

Was wir über über die Situation Behinderter in Tadschikistan hören und sehen, macht uns sehr betroffen. So weit es die Sprachbarriere hergibt, tauschen wir uns mittags mit Parvina als Übersetzerin mit den Sozialarbeiterinnen vor riesigen Schüsseln mit landes-typischem Brotsalat und Tee über ihre Arbeit aus. Nach dem Essen steht „beispielhaft“ ein Besuch bei einer Familie mit behindertem Sohn auf dem Programm, die seit einem Jahr von einer Sozialarbeiterin der Caritas betreut wird. Die von ihrem Mann verlassene Frau lebt mit ihren drei Kindern auf dem Grundstück der Schwiegermutter, die lautstark über unser Erscheinen zetert. Wir erfahren, welche Fortschritte der autistische und motorisch beeinträchtigte Junge im letzten Jahr gemacht hat und trauen unseren Augen nicht, als der Kleine sich nach einer Weile mit unseren Geschenken in eine Ecke auf dem Hof zurück zieht, in der eine Decke und ein Kissen liegen. Direkt daneben ein Pfosten mit einer Leine. Auf Nachfragen erfahren wir erschüttert, dass der Junge dort angebunden wird, weil die Schwiegermutter nicht duldet, dass er in ihre Nähe kommt...

 

Wir brauchen eine Weile, um die Eindrücke der letzten Stunden zu verdauen. Eine von den Tajikbuam organisierte Stadtführung bringt uns auf andere Gedanken. Der tadschikische Präsident ist offensichtlich ein Freund der Superlative: der höchste Fahnenmast Zentralasiens, die größte Bibliothek, das größte Teehaus, das größte Museum und das größte Theater sind nur ein paar wenige Beispiele für seine Bauvorhaben in den Jahren seit der Unabhängigkeit des Landes. Wir hätten inzwischen ein paar Ideen, an welcher Stelle das Geld auch ganz hilfreich gewesen wäre...

 

Abends laufen wir noch schnell an Sepp in der Werkstatt vorbei. Der Anlasser ist natürlich nicht fertig geworden. Es gibt nicht mal in der Hauptstadt Original-Ersatzteile (obwohl VW auf der Liste der vom tadschikischen Zoll zugelassenen Fahrzeuge steht) und so müssen sich die Mechaniker einen passenden Anlasser aus verschiedenen Teilen zusammenbasteln. Wir nehmen ihnen das Versprechen ab, am nächsten Tag - rechtzeitig zur Zieleinfahrt - fertig zu sein und gehen nochmal kräftig bei lokalem Bier und leckerem Grill-Schaschlik feiern.

song des tages

Paolo Nutini

"Alloway Groove"

danke an nils



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