Tag 23 ... Lieblings-Highway

Tadschikistan

Baravin-Tar > Qala-i Khumb.

 

Wir erwachen bei der ersten Helligkeit, die Sonne wird erst am späten Vormittag über die Gipfel blitzen. Das erste Frühstück mit leckerem Kaffee und Dosenkuchen (Danke an Silke's Kollegen) genießen wir am Fluß-Strand. Das zweite Frühstück reicht uns Mahssud in seiner (noch) improvisierten Gasthaus-Baustelle gerade rechtzeitig, als das Team Tajik-Spirit an uns vorüberziehen will. Gemütlich besprechen wir die weiteren Strecken-Abschnitte bei Spiegeleiern, Brot und Äpfeln.

 

Der Grenzfluss Panj begleitet uns den ganzen Tag, die afghanische Grenze ist stets nur einen Steinwurf entfernt. Immer wieder begegnen uns patroullierende Soldaten. Erschrocken hören wir plötzlich einen dumpfen Knall und entdecken hinter der nächsten steil aufragenden Felswand die Ursache: auf der gegenüberliegenden Seite wird die Erweiterung oder Fortsetzung der Straße in den massiven Fels gesprengt und gehämmert. Auf unserer Fluss-Seite wirkt die Natur immer bedrohlicher, die Straße auch. Wir fahren unter Felsüberhängen hindurch und schlängeln uns am schmalen Ufer, an Spuren der letzten Steinschläge und an unzähligen Schlaglöchern vorbei. Der Pamir-"Highway" ist hier wieder unbeschreiblich krass, eigentlich unbefahrbar für unseren tiefliegenden und mit seiner Dachbeladung stark schwankenden Sepp. Aber Susanne genießt das Fahren auf dem staubig-rumpeligen Schotter-Pfad sehr! Wir bewegen uns etwa mit 10-20 km/h, um am Ende des Tages wieder nur etwa 100 km mehr auf dem Tacho zu haben - Zeit genug, um ausführlich die Umgebung betrachten zu können und sich dabei zu fragen, wie die Dorfbewohner diese unerträgliche Staubflut der Vorbeifahrenden ertragen.

Asphalt gibt es hier eigentlich nur vereinzelt, häufchenweise und längst abgekühlt am Straßenrand. Unvermittelt tauchen drei Arbeiter im Senioren-Alter mit Schaufeln vor uns auf, das schwarze Füllmaterial auf die tiefsten Löcher verteilen. Es bleibt rätselhaft, wie die Männer oder gar der Asphalt je hierher gekommen sind, denn Baumaschinen sehen wir nur sehr wenige - verrostet und außer Betrieb am Straßenrand.

 

Plötzlich donnern acht riesige, leuchtend gelbe chinesische LKW an uns vorbei. Wir drücken uns mit unserem Sepp so eng wie möglich an die Felswand, um sie an der abfallenden Uferseite der Straße mit gefühlten 100 km/h an uns vorbei zu lassen. Die Staubwolke, die sie mit sich ziehen, ist unbeschreiblich und spart mal wieder das Trockenshampoo... Nur kurze Zeit später parken die Trucks am Straßenrand und die chinesischen Fahrer scheinen einfach nur Pause zu machen. Wir fahren vorbei, nur um rund 15 Minuten später wieder überholt zu werden. Das Spiel wiederholt sich auf unserem Streckenabschnitt fünf Mal. Beim vierten Stopp versuchen sie uns anzuhalten, um ein Foto zu machen. Doch die Übermacht der Trucker mit ihren in unseren Augen finsteren Gesichtern hält uns davon ab.

 

Hin und wieder kommen wir durch kleine Dörfer und sehen Granatäpfel-Bäume in Hülle und Fülle, Kinder verkaufen die Früchte am Straßenrand. Sie recken uns die Hände mit Granatäpfeln entgegen und schließlich kaufen wir zwei Früchte für zusammen umgerechnet 0,50 Euro, die wie gemalt aussehen. Während des kurzen Halts kommen wieder die gelben LKW angerast, nicht mal in den schmalen Dörfern nehmen sie Rücksicht...

 Auf der Uferseite linkerhand wirken die afghanischen Dörfer hingegen sehr viel beschaulicher, fruchtbarer, es wird geerntet und gedroschen, hin und wieder leuchtet Wäsche auf, die in der Sonne trocknet.

 

Als die Sonne sich zunehmend senkt, suchen wir uns zusammen mit TaTour und den Famous Schweizern einen Platz zum Campen, was an der engen M41 schwierig ist. Erst in der Dämmerung wird der Straßenrand breiter, wir finden ein Grundstück mit einem kleinen Umspannwerk und bauen daneben unser Lager auf. Kaum köchelt das Essen am Lagerfeuer auf unserem CADAC Safari-Chef, erscheinen plötzlich fünf Grenzsoldaten und versuchen uns eindringlich zur Weiterfahrt zu bewegen. Sie deuten immer wieder auf das gegenüberliegende Felsmassiv und machen Schießbewegungen. Wir sollen wenigstens 10 km weiter fahren. Doch wir sind müde und wollen nicht im Dunkeln weiterfahren. Schließlich hat der Kommandant ein Einsehen und stellt zwei junge Soldaten zu unserem Schutz ab. Er zeigt auf ein Gebäude in rund 200 Meter Entfernung, das uns bisher nicht aufgefallen ist. Dort befindet sich der Stützpunkt. Wir sollen uns melden, wenn wir sie brauchen. Wir bedanken uns mit einer kleinen Tüte voll Duschgel und Rasiercreme. Tatsächlich kommen die beiden jungen Männer anschließend stündlich vorbei um nach uns zu schauen, nicht ohne einen wichtigen, prüfenden Blick auf die andere Seite zu werfen und dabei mit ihren Kalaschnikows zu klackern. Irgendwann haben sie offensichtlich Dienstschluss, kommen unbewaffnet und ohne Uniform-Jacke, aber dafür mit Wurst und Fisch-Konserven und sogar mit Bier! Wir hocken noch eine Weile zusammen, bis der Kommandant die beiden wieder einsammelt.

 

Moritz und Fabian haben unterdessen damit begonnen, unbrauchbare Teile ihrer Ausstattung und Müll zu verbrennen. Wir lassen uns davon anstecken und stöbern immer wieder in unseren Kisten, um uns ebenfalls von unnötigem Ballast zu befreien, den wir nicht verschenken können. Als das Feuer niedergebrannt ist, leuchtet der Sternenhimmel einmal mehr besonders hell. Über uns steht die Milchstraße, hinter uns liegt die M41 und vor uns ragt mächtig Afghanistan auf. Mit äußerst zwiespältigen Gefühlen schlafen wir irgendwann ein, wehmütig wissend, dass dies unsere letzte Nacht im Sepp sein wird.

song des tages

Seiler & Speer

"Soits lebn"

danke an Bruder m.



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Kommentare: 2
  • #1

    Wojtek (Sonntag, 01 Oktober 2017 13:13)

    Servuski nach Tajikistan...:)
    ich hoffe, dass ich nicht zu viel über diesen Highway versprochen habe...
    Super Gegend und Bericht, keine Angst, dort schiesst keine , da das auch sein Okel oder Cusine sein könnte, die aber auf der anderen Grenzseite lebt, bislang waren das gute Nachbarn und wurden durch diese Grenze geteilt... was auch uns etwas bekannt vorkommt..
    bitte mehr Bilder und weiter so toll schreiben!
    viel Glück und Spass!
    LG Wojtek

  • #2

    Sabine (Sonntag, 01 Oktober 2017 18:17)

    Liebe TaChicks,
    Ich bin begeistert von euren spannenden Einträgen.
    Ich habe über euch Gegenden, Menschen und Abenteuer kennen gelernt.... Ihr Zwei habt bewiesen, dass Träume wahr werden. Ein großes Geschenk!
    Euch eine gutes Ankommen Daheim!
    Viele Grüße Sabine