Tag 19 ... Das Dach der Welt

Kirgistan -> Tadschikistan

Gülchö> Karakul.

 

Bei Sonnenaufgang herrscht Aufbruchstimmung bei den Tajikbuam, von der wir uns anstecken lassen. Das Wasser für die Morgentoilette und das bisschen Haushalt liefert der kleine kristallklare Fluss, der nur wenige Schritte vom Sepp entfernt vor sich hin plätschert. Wir sind gespannt auf die nächsten Herausforderungen: den 3.615 m hohen Taldyk-Pass und den letzten Grenzübertritt.

In Sary-Tash tanken wir noch mal voll und sind bei der Abfahrt von der Tankstelle so in unsere Technik vertieft (Läuft der Tracker? Ist die GoPro geladen? Hat das so seltene Netz hier im Ort für ein Lebenszeichen in die Heimat gereicht...?), dass die TaChicks in die falsche Richtung fahren. Erst rund 20 Kilometer vor der Chinesischen Grenze holt uns Team TaTour, das am Ortsausgang das Camp der beiden Schweizer Teams entdeckt und uns nach einer Weile vermisst, nach einer Aufholjagd wieder ein. Danke! (Spätestens 20 Kilometer weiter, bei der Einreise nach China, hätten wir uns gewundert...).

Gemeinsam mit den Schweizern FaMou'S ex erreichen wir ohne Probleme den Taldyk-Pass, an dem genug Schnee für den einen oder anderen Schneeball liegt.

Wenig später stehen wir vor der letzten kirgisischen Schranke und treffen auf die völlig entnervten Tajikbuam, die seit einer Ewigkeit darauf warten, dass Ihnen das Formular über die Entrichtung der Umweltabgabe, die man bei der Einreise nach Kirgistan entrichten musste, quittiert wird. Die drei mussten erstmal helfen, das Diesel-Aggregat zu holen und anzuwerfen, bevor in der ohnehin technikbefreiten Station irgendetwas weiterging.

„Famous“ Moritz und Fabian haben in der Wartezeit die Muße, unseren Luftfilter zu reinigen. Wir breiten wieder die Karten aus und überlegen, wie weit wir wohl heute noch kommen. Irgendwann werden unsere Boliden im Block abgefertigt – zwischen Motorradfahrern aus Russland und Spanien.

Nach einer halben Stunde Fahrt durchs Niemandsland kommen wir an die tadschikische Grenze. Uns bietet sich ein jämmerliches Bild. Hier oben ist einfach NICHTS, außer verfallenen Baracken, verrosteten Schildern und Müll. In drei verschiedenen Container-Hütten müssen wir viele Zettel kaufen, die wir unbedingt für unsere Ausreise und für den Import der Fahrzeuge brauchen. Hütte Nr. 1: die Quarantäne-Schleuse. Ein junger Mann in einem Raum ohne Strom schreibt etwas auf einen Block. Außer dem Block, einem Stift, einem Stempel, Tisch, Schrank, Bettgestell und einer Feuerstelle hat er nichts. Doch: einen Kanister mit Desinfektionsspray samt Sprühvorrichtung. Damit werden die Radläufe und Räder eingesprüht. Dafür bekommt er 15 US Dollar und wir den ersten Zettel. Ein paar Meter weiter müssen wir insgesamt 3 weitere Blechhütten betreten, nur eine davon ist beheizt, eine hat sogar eine (ehemals) schicke Brokattapete, alle dienen ebenfalls gleichzeitig als Behausung für die jungen Grenzer. Bei einem müssen wir die Zollerklärung leisten, beim nächsten den Import des Caddys dokumentieren. Da die Papiere auf Susanne ausgestellt sind, muss sie überall durch und stößt auf völligen Unglauben: „You are the driver? No. You’re passenger. Where is the driver?“ Zu allem Überfluss gehen im letzten Häuschen die Formulare aus, als sie endlich an der Reihe ist. Der Kollege schüttet erst mal Wasser in die vor sich hin köchelnde Suppe auf seinem kleinen Ofen und bietet ihr davon etwas an. Weil er nicht recht weiß, was zu tun ist, so ohne Formular. Letztlich besinnt er sich auf eine Blaupause und improvisiert, was eine weitere Ewigkeit dauert. Wir sind gespannt, ob wir damit in Duschanbe durchkommen - und vor allem, wie er das Problem mit den uns nachfolgenden Teams lösen wird. Was für ein Formular wir im letzten Hüttchen kaufen, wissen wir selber nicht. Insgesamt bezahlen wir jedenfalls 75,- Dollar für 7 Zettel, die wir vorsichtshalber alle nicht lesen können. „Welcome to Tadschikistan!“ hören wir von allen Beteiligten und können uns nicht vorstellen, wie sie hier oben leben können. Silke startet erleichtert den Caddy, aber ausgerechnet am letzten Schlagbaum versagt der Anlasser. Nichts geht mehr. Doch: bergab geht’s - auch ohne Anlasser. Wir rollen ins Pamir-Gebirge, im wahrsten Sinne des Worte Höhepunkt unserer Rallye.

Seit der kirgisisch-tadschikischen Grenze begleitet uns dabei der Grenzzaun zu China: Mannshohe Holzpfosten, verbunden mit Stacheldraht. Ein seltsames und erhebendes Gefühl, dem "Reich der Mitte" viele Kilometer lang so nah zu sein.

 

Der Karakul-See, das größte Gewässer Tadschikistans, liegt plötzlich vor uns. Auf 3.914 m Höhe wechselt seine Farbe von intensivem Blau zu Türkis und wir können uns kaum satt sehen. Doch dann fällt unser Blick auf zwei Autos mit Schweizer Kennzeichen vor dem Homestay in Karakul, dem einzigen Ort am See. Sofort verspüren sofort den Drang nach heißem Tee. In großer Runde, ergänzt um TaTour und C-Team, bekommen wir Spiegeleier, Kekse, Marmelade und Schokoladen-Konfekt serviert.

Endlich sind wir auf dem Dach der Welt, am Ziel unserer Träume. Aber so recht will keine Stimmung aufkommen. Alle sind müde und erschöpft. Die letzten Wochen, der langwierige Grenzübertritt, die schwierigen Straßenverhältnisse und vor allem auch die Höhe stecken uns allen in den Knochen.

Die Jungs vom C-Team beschließen, im Homestay zu übernachten, die Schweizer wollen noch bis nach Alichur, während wir uns ein paar Kilometer südlich von Karakul einen Platz zum Campen suchen.

Bei eisigem Wind und vereinzelten Schneeflocken schlagen wir auf über 4.000 m Höhe unser Lager auf und versuchen wenigstens noch einen Tee zu kochen, aber das Wasser wird in der Höhe einfach nicht heiß. Wir gehen mit Sonnenuntergang ins „Bett“. Jede Bewegung in der Höhe ist anstrengend, allein die Wollunterwäsche anzuziehen (Danke dafür vielmals an die Adventure Company Heilbronn) dauert eine halbe Ewigkeit. Als wir endlich unsere endgültige Schlafposition erreicht haben, versuchen wir jeden Blasendruck meditativ zu ignorieren. Hinter den verdunkelten Scheiben des Caddys sehen wir nichts vom sternenklaren Himmel über dem Dach der Welt. Die Stille um uns herum ist ohrenbetäubend: Wir hören das Blut pulsieren und haben das Gefühl, als uns platze uns der Kopf. Wir zählen die Stunden bis zum Morgengrauen und denken beide unabhängig voneinander an das Buch der Mount Everest-Besteigung „Das größere Wunder“.    

song des tages

Parov Stelar

"All Night"

danke an bernolph



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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine und Heiko (Mittwoch, 27 September 2017 10:27)

    Liebe Susanne, liebe Silke, mt großer Freude und Spannung begleiten uns eure täglichen Berichte im bayrischen Alltag. Nun sind auch die ersten Karten in München angekommen, innerhalb von neun Tagen� . Das Fremde ist nun viel näher durch eure Bilder und Geschichten, dank eures Mutes und Abenteuerlust!
    Lasst euch morgen feiern! Viele Grüße Sabine und Heiko